Artifizielle Heimat: Cityscapes
© Hanne Loreck

Petra Trenkel baut urbane Situationen im Bild – mit den Mitteln der Malerei und der Zeichnung. Ihre Szenarios muten realistisch an, geben manchmal sogar konkrete (beispielsweise Berliner) Einzelgebäude und Straßenzüge zu erkennen. Jeder 3-d-Realismus aber tritt wie durch eine getönte Scheibe in den Hintergrund, eckt an den heterogenen Perspektiven an und wird abrupt vom räumlichen Nichts beendet. So gehen die Gebäude und das Grün auf Distanz und werden auf der Ebene eines situativen Eindrucks – in der Sprache des Bauens gesagt – zementiert. Überzogen von den unvollständigen Geometrien aus Siedlungsbau und Stadtplanung bleiben sie in der Entfernung beharrlich präsent, während die BetrachterInnen stillgestellt werden, ausserhalb des Bildes und als dessen irritiertes Gegenüber.
Vornehmlich jedoch ist es die Malerei, die die Architektur als Kunstwerk und die Stadt als ebenso idealisierten wie kritisierten Lebensraum mattiert und die Motive, von den Wohnblocks über die Tiefgarage zur Grünanlage, skeptisch filtert. Denn Petra Trenkels malerische Transformation eines Funktionalismus, dessen problematische soziale Anonymität seine ästhetische Gesichtslosigkeit bei weitem überwiegt, entwirft in ihrer konsequenten, auf merkwürdige Weise leidenschaftlichen Distanzierung Momente von Lebbarkeit jenseits der sichtlichen Menschenleere. Daran ändern erstaunlicherweise auch die fast schmerzhafte Ödheit der baulichen Details und die wie ein leeres Netz ausgeworfenen, dürftig möblierten Freizeitflächen nichts.
Ohnehin ist an der Peripherie, fern der kapitalistischen Musealisierung eines historischen Stadtzentrums, die soziale Glaubwürdigkeit der durchgestylten Fassade längst ruiniert und jeder Balkon nach der Vorstellung seiner Benutzer angestrichen. Hier hat sich eine anarchische Lebendigkeit gegenüber jedem gestalterischen Diktat durchgesetzt; andernorts hingegen soll eine Fassadenrenovierung soziale Einheit wie kohärentes Stadtbild gleichermaßen garantieren. Petra Trenkel registriert solche Phänomene, die nicht zuletzt mittels Farbe an der städtischen Oberfläche sichtbar werden, um sie wiederum mittels Farbe, nun ganz Malerei, in eben jene distanzierten Ansichten zu übersetzen.

Petra Trenkels Position im Rahmen des derzeit wortgewaltig diskutierten neuen Realismus in der Malerei als "mageren Realismus" zu bezeichnen, wie ich vorschlagen möchte, ist der Versuch, zweierlei zu charakterisieren: die Art der Malerei und die wohltuende Nüchternheit der Beobachtung. Petra Trenkel nimmt alle Teile der Ansicht gleichermaßen in den Blick, ohne soziologisch zu inspizieren oder ästhetisch zu werten. Die analytische Aufmerksamkeit der Künstlerin findet ihre künstlerische Methode im Synthetisieren. Denn die jeweilige Bildsituation, die den BetrachterInnen suggeriert, diese oder eine ähnliche doch zu kennen, erweist sich als eine Konstruktion aus mehreren Prototypen urbaner Alltäglichkeit: eine Straßenkurve hier, die Grünfläche aus x, Garagen auf dem Hof, mittelhohe und Hochhäuser wie überall in deutschen Städten.
Selten befinden sich diese Elemente zusammen an einem realen Ort, eher werden sie wie aus einem Modellbaukasten gesampelt, den Petra Trenkel zeichnend und photographierend füllt. Die Malerei, auf weitgehend texturlosem Nesselgewebe ausgeführt, verzichtet gänzlich auf die Tricks des Realismus wie markante Schlagschatten oder die Übereinstimmung von Beleuchtung und Bildlicht. Im Grad der Abstraktion wiederholt Petra Trenkel auf der Ebene der Malerei das konstruktive Zusammensetzen, das wir bereits für das Motiv festgestellt haben, hier nun von Farbflächen und Perspektiven. Ihre trocken lasierende, ungestische Technik mimt Sachlichkeit und Präzision. Was kunsthistorisch über die Malerei von Neuer Sachlichkeit und US-amerikanischem Präzisionismus vertraut anmutet, wird allerdings zur Falle, wenn die Nischen, ob Mietshaus, Stadion oder Ferienbungalow, keinerlei Aufschluss über die Art von Leben im Inneren geben und dies nicht nur, weil die Türen geschlossen, die Fensterscheiben opak oder die Vorhänge vorgezogen sind: Freizeit, Privatheit und Intimität werden hier nicht als die Kehrseite der modernen Transparenz-Ideologie konzipiert. Kontinuierliches Angriffsziel voyeuristischer Neugier, erscheint es geradezu folgerichtig, Innerlichkeit mit der Fassade, dem Straßenteer und dem allzu grünen Spielrasen zu versiegeln.
Ohne jede Identifikationsfigur im Bild und ohne jedes andere Zeichen, das zu einem imaginären Spaziergang animierte, stellt Petra Trenkel ihren ästhetisch extrapolierten Schnitten ins urbane Feld die BetrachterInnen gegenüber. Diese kaum auf Einfühlung setzende Konfrontation zwischen den Ansichten und dem Betrachter verwandelt dessen kritisches Wahrnehmungsvermögen in freischwebende, sympathisierende Aufmerksamkeit für das, was unter seinen Augen zum Ort wird. Es ist eben keineswegs politische Gleichgültigkeit, sondern Malerei, die die Brachen und bröselnden Fassaden motiviert und schließlich deren Potential als ganz unterschiedlich zu nutzende Nische an die Bildoberfläche bringt. Hier wird dann der kaltblütige moderne Blick, der Stadtplanung und Wohnungsbau in einundderselben Perspektive fokussierte, subjektiv gestreut und kann sogar zur romantisch konnotierten Stadtlandschaft mutieren, an die selbst die monotone Straße als monochromes Band Anschluß findet. – Heimat, ein ebenso aktuelles wie problematisches Gegenkonzept zur Globalität, ist nicht weit, sicherlich keine spezifische oder individuelle, wohl aber eine, die ihre Färbung aus der Melancholie verblasster stilistischer Eleganz erhält.

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